Prostitution. (1)

Da ich viele Jahre an unterschiedlichen Stellen im Milieu tätig war, wird es hierzu noch so einige Beiträge geben. Ich will jetzt auch tatsächlich nicht am Anfang anfangen – insbesondere da meine Anfänge nicht nur grenzwertig legal, sondern tatsächlich illegal waren. Nein, meiner heutiger Beitrag steht im Zeichen von #RotlichtAN, einer Aktion auf die ich durch diesen Beitrag aufmerksam wurde: https://training-of-o.de/blog/2020/05/28/welthurentag-am-02-06-2020-rotlichtan/

Zuletzt mit der Arbeit begonnen habe ich im September 2011. Meine Ma besaß die Wohnung und so suchte ich das Gespräch, da ich meiner Familie mehr bieten wollte als Hartz4. „Mama, ich will wieder arbeiten. Muss ich an die Straße oder kann ich bei dir unterkommen?“ Sie stimmte zu und erklärte mir die Regeln der Bezahlung für die Räumlichkeiten. Blieb mein Verdienst unter 100€, zahlte ich die Hälfte dessen. War ich darüber, so zahlte ich maximal 50€.

Das war sehr fair, denn es inkludierte nicht nur Zimmer und Nutzung des Bades, sondern auch die Bereitstellung von Kondomen, die Nutzung von vorhandenem Spielzeug, die Verfügbarkeit von Cola, Mineralwasser, Orangensaft und Kaffee sowie die Putzkraft. Ich hatte mein eigenes Zimmer und es war gemütlich in terrakotta gestrichen, die Laken waren dazu passend in Orangen- und Gelbtönen gehalten.

Ich war aufgeregt, als ich wieder einstieg, denn ich war keine 18 mehr, sondern 22 und mit meinen 135kg nicht mehr „nur ein bisschen dick“ wie zuvor mit 100kg. Die Wohnung lag in einem Wohn-Mischgebiet, was hieß, dass uns ein großer Teil (51%, so schreiben es die baulichen Vorschriften vor) zur privaten Nutzung vorbehalten blieb. Trotzdem gab es genügend Zimmer und Damen.

Wenn jemand anrief, gaben wir zu den anwesenden Frauen Auskunft. Körper- und Körbchengröße, Haar- und Augenfarbe, Konfektion, grober Figurtyp, rasiert oder nicht, angebotener Service, Haarlänge, Alter. Das war anfangs ganz schön viel, um sich alles zu merken, sodass ich die ersten Wochen einen Spicker hatte. Wollte jemand einen Termin vereinbaren, notierten wir für die gewünschte Dame Uhrzeit, Dauer und Vorname des Gastes.

Klingelte es zu einer Zeit, wenn kein Termin geplant war, ging eine von uns an die Tür und der Rest positionierte sich im Flur. Anfangs machte ich die Tür gern auf, ging aber zu schnell zur Seite, sodass der begehrte Gast an mir vorbei auf den Wust an Weiblichkeit zuging. Später lernte ich, dies langsamer zu tun und mich dabei ruhig auch schon etwas vorzubeugen, um Blick auf meine Oberweite zu geben. Ich mochte die Auswahl nie, was vor allem mit meinen Minderwertigkeitskomplexen zu tun hat. Damit lernte ich jedoch im Verlauf umzugehen.

Wir waren sehr vielfältig aufgestellt. Ich war die Jüngste und die Dickste, bot auch mit am wenigsten an. Meine Serviceliste umfasste: Küssen, Zungenküsse, Schmusen, Verkehr mit Gummi, Französisch mit Gummi, Französisch ohne Gummi, Französisch mit Aufnahme, Französisch mit Schlucken, Körper- und Gesichtsbesamung, Schläge auf den Po mit der Hand, Analverkehr individuell vereinbar (nur bei sehr kleinen Penissen und mit Gummi), Verwendung von Dildos und Vibratoren bei mir, Fingern, Handjobs, Spanisch – und später noch der Bauchfaltenfick, als ich merkte, dass es dafür einen Markt gab. Quasi Basis-Sex, wenn ich es retrospektiv betrachtete.

Das war aber auch für die allermeisten Männer völlig in Ordnung. Viele stellen sich die Freier, die wir immer lieber Gäste nannten, als Sexmonster vor. Und uns wahlweise als nymphomane Schlampen oder geknechtete Opfer. Nichts davon stimmte für mich in dieser Zeit. Natürlich hatte ich gerne Sex, aber so weit, dass ich privat das Bedürfnis hatte, mich „jedem“ an den Hals zu werfen, ging es dann doch nicht. Beruflich war ich da weniger wählerisch.

Viele meiner Gäste waren ältere Herren zwischen 60 und 85 Jahren. Die sagte mir dann, wie schön es ist, „dass da ein bisschen was zum Anfassen ist“ und vergruben gern ihr Gesicht, lobten meinen weichen Busen. Sie mochten meine stille, etwas scheue, aber liebevolle Art ihnen gegenüber und beklagten sich, dass andere Frauen sich vor der hängenden Haut und den Falten ekelten oder sauer waren, wenn sie keinen hochbekamen. Und ich mochte diese älteren Herren sehr, obwohl sie privat nicht meine Zielgruppe waren. Sie waren – nicht alle, aber die meisten – sehr höflich, recht vorsichtig, sie freuten sich über alles, was ich ihnen an Zuwendung gab, sie fragten mich, „ob es schön war“.

Aber auch in den anderen Altersklassen hatte ich sehr nette Begegnungen. Und ja, teilweise kam ich auch selbst zum Orgasmus. Warum auch nicht? Dass ich dafür bezahlt wurde, machte den Sex nicht zu schlechtem Sex.

Es gab verschiedenste Gründe, warum die Männer zu mir kamen. Manche hatten eine Ehefrau, die sie sehr liebten, aber einen bestimmten Typ Frau, der sie anmachte. Manche standen auf dick, hätten sich aber aus Prestigegründen nie eine dicke Freundin zugelegt. Es gab Männer, die sehr kranke Frauen hatten, die körperlich nicht mehr in der Lage zu Sex waren und denen sie weiter beistehen wollten. Es gab Männer, deren Frauen ihnen keinen blasen wollten. Einer meiner Stammgäste führte eine schwule Beziehung, kam aber einmal im Quartal vorbei, um mit einer Frau zu vögeln. Manche suchten unkomplizierten Sex, der folgenlos blieb. Andere suchten Trost, nachdem ihnen das Herz gebrochen wurde. Und wiederum andere suchten einfach danach, etwas Neues auszuprobieren.

Ich bin überzeugt, dass das alles gute Gründe sind. So sagte einmal ein Gast zu mir, den die anderen als „meinen Schweiger“ bezeichneten, weil er nie mehr als „Wo ist Amy?“ mit ihnen sprach, zu mir: „Meine Frau mag das nicht mehr, seit 10 Jahren. Ich darf sie nicht mal in den Arm nehmen oder küssen. Wir sind seit 50 Jahren verheiratet, wir haben alles zusammen gemacht. Ich brauche das manchmal noch, aber ich will nicht, dass sie sich schlecht fühlt, weil sie das nicht mehr mag.“ Und obwohl der Sex mit ihm nicht gut war – er gab sich aber durchaus Mühe! – war er einer meiner Lieblingskunden, allein schon wegen dieser Einstellung. Und ich denke noch heute, des Schweigers Frau kann sehr glücklich über ihren rücksichtsvollen Mann sein.

Ein anderer Mann sagte: „Ich hab ja gern und guten Sex mit meiner Perle. Aber Freitagmittags, wenn ich zu dir komme, möchte ich mir einfach nur in Ruhe nach der Arbeitswoche einen blasen lassen und dabei runterkommen.“ Auch diesen mochte ich sehr gern. Er war stets pünktlich und sauber, er diskutierte nicht, es war klar, was er wollte und genau das bekam er. Es war halt ein sachlicherer Vorgang. Das macht es nicht schlechter.

Selten verirrte sich auch eine männliche Jungfrau zu mir. Die neigten eher zu den älteren Kolleginnen, vielleicht, weil zumindest zwei davon ein wenig mütterlich wirkten. Ich persönlich mochte das nicht so, weil es nicht meiner Präferenz entspricht, gab mir aber immer alle Mühe, diesen „Jungs“ die Angst zu nehmen. Ich bot ihnen wie allen anderen ein Getränk an, half ihnen beim Ausziehen, zeigte ihnen das Bad und erwartete sie dann nackt. Wir legten uns hin und ich schenkte mich, aber nicht initiativlos. Ich war vorsichtiger mit ihnen, denn ich wollte, dass sie ihr erstes Mal in schöner Erinnerung behielten. Es ist doch auch für Männer eine besondere Erfahrung.

Natürlich gab es auch Gäste, die ich nicht so leiden konnte. Zum Beispiel waren mir Diskussionen um das Geld zuwider. Meine Sätze lagen bei 30€/Quicky (ca. 15-20 Minuten), 50€/30 Minuten und 100€/Stunde. Wenn jemand früher kam, fragte ich ihn, ob er noch einmal wollte. Und wenn er deutlich schneller war, korrigierte ich auch selber von 50 auf 30 Euro. Fing jedoch jemand wegen 5 Minuten an, zu debattieren, rechnete ich ihm ganz schnell vor, dass er auch Zeit im Bad verbracht hatte. An sich wurde aber meine Anständigkeit sehr häufig gelobt, da viele noch nicht kannten, dass eine Frau auch Geld zurückgibt. Das war zwar tatsächlich recht unüblich, aber er hatte ja nicht die volle Leistung erhalten und ich führte auf diese Weise auch Kundenbindung durch.

2014 schmälerte sich mein Verdienst, es war allgemein weniger los und so entschied ich mich dazu, nur noch auf Termin in den Laden zu kommen. Dafür zahlte ich etwas weniger Miete, da das Zimmer nicht den ganzen Tag blockiert war.

2016 heiratete ich und da ich keine Lust mehr auf den Job hatte, verabschiedete ich mich von meinen Stammgästen, die mir zum Teil sogar kleine Geschenke zur Hochzeit brachten. Auch heute schreiben mich manche davon weiterhin an und erinnern mich daran, sich bei ihnen zu melden, wenn ich es mir doch noch einmal anders überlege. Das ist erst während des Schreibens zuletzt passiert:

Hallo Amy
Ich hoffe dir geht’s gut. Du siehst auf deinem Profilbild super aus😊
Vor Jahren haben wir uns öfter in der Südstadt getroffen es war immer toll.
Leider hast du deinen Job an den Nagel gehängt.
Wenn ich dein Bild sehe möchte ich dich sooo gerne treffen oder so.
Wenn du doch mal wieder…. ich komme gerne.
Auf jeden Fall alles liebe und gute dir
Bussi J. 😘

Den Namen habe ich aus Datenschutzgründen abgekürzt. Und ich antworte immer nett darauf, denn es ist für mich nicht ausgeschlossen, irgendwann wieder mein Gehalt mit Gästen aufzubessern, wenn eine ausreichende Nachfrage besteht, die den Papierkram rechtfertigen würde. Den hasse ich nämlich tatsächlich.

Ich hoffe, wenn du diesen Post gelesen hast, hast du einen Einblick in meinen Alltag von damals gewinnen können, der tatsächlich sehr strukturiert und normal war, sehr entspannt und zufrieden in dieser Hinsicht. Prostitution ist nicht zwangsweise gefährlich. Man kann diese Arbeit ohne Zuhälter ausüben. Man kann mit dieser Arbeit glücklich sein, auch, wenn du es vielleicht nicht wärst. Und beides ist okay. Lasst das #RotlichtAN!

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